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Saalhauser Bote Nr. 18, 1/2006
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Kleine Erwachsene

Von Sebastian Lehrig

Der Sommer war in Saalhausen für Sebastian stets eine sehr schöne Jahreszeit. Die Blumen erschienen in ihren schönsten Farben und der größten Vielfalt, die Tage waren oft sehr warm und es wurde erst spät dunkel, weshalb Sebastian immer sehr lange mit seinen Freunden draußen spielen konnte.

Er und die anderen Helden, die ihre Zukunftsträume träumten, oder nur Abenteuer in einer Welt voller Erwachsenen, voller Regeln, Werten und Normen suchten. Sie nahmen jedoch nach und nach, langsam wie ein Tropfen Wasser, der eine Tulpe herunterrinnt, diese verhassten Werte und Normen der Erwachsenenwelt an. Regeln legten so viel fest, bestimmten, zu wem man aufschauen, zu wem man herabsehen sollte, ähnlich einer Rangfolge in der Bundeswehr.

Sebastian, Stefan, Marcel und die anderen Mitglieder der Bande (der Kompanie von Gefreiten) bauten ihre Festung aus Holz in einem Waldstück nahe der Ortsgrenze von Saalhausen.

Die benötigten Bretter und Platten bekamen sie

a)von einem Sägewerk - der Besitzer musste sie eine halbe Stunde darüber belehren, dass man sich erst entschuldigt und sich dann vorstellt, bevor man nach etwas fragt (Erwachsenenregel Nummer 1) - geschenkt.

b) vom Sperrmüll - obwohl eine ältere Frau es anscheinend doch nicht so gut fand, ihre alten Dinge loszuwerden, da sie, nachdem Sebastian und Stefan sich einen alten Teppich, der vor ihrem Haus lag, aufgeladen hatten, schreiend hinter den beiden weglaufenden Jungen herrannte. Jedenfalls hatten sie den Teppich retten können. Und

c)von älteren Jugendlichen, die einige brauchbare Dinge bei ihrer eigenen Hütte liegengelassen hatten. Da keiner von den Jugendlichen dort war, konnte die Kompanie nicht Erwachsenenregel Nummer 1 befolgen und befolgte Kompanieregel Nummer 1: Wenn keiner da ist, dann darf man sich es einfach nehmen. Und langsam begann der Tropfen zu rinnen.

Sebastian hatte große, blaue Augen, helle, braune Haare und eine helle Jungenstimme. Er war acht Jahre alt und damit zwei Tage älter als Stefan. Marcel war der jüngste der drei Kompaniegründer, womit Sebastian der älteste war und schon mehr Erwachsenenregeln als die anderen kennen gelernt hatte.

Erwachsenenregel Nummer 2 und 3 kannten jedoch alle schon viel zu gut: Komm nicht zu spät nach Hause. Komm ja nie wieder so dreckig nach Hause. Alle hatten auch festgestellt, dass sich Erwachsenenregeln widersprechen können. Die drei waren fast immer voller Dreck und durften deshalb nicht nach Hause. Aber sie durften ja auch nicht zu spät nach Hause kommen. Nach einer Woche allein zuhause - niemand durfte ihn besuchen - hatte Stefan jedoch festgestellt, dass Erwachsenenregel Nummer 2 wichtiger ist als Erwachsenenregel Nummer 3. Und so begann der Tropfen, sich nach und nach seinen Weg zu bahnen. Neue Werte. Neue Normen.

So auch in der Kompanie: Regel Nummer 2 legte eine Aufnahmeprüfung fest, welche zunächst durchlaufen werden musste, wenn ein neuer Gefreiter der Kompanie beitreten wollte.

Ein riesiges Fabrikgrundstück, nahe der Feste der Kompanie, diente als Prüfungsort. Eine zwei Meter hohe Mauer umgrenzte das Grundstück und stellte das erste Hindernis dar. Sebastian begleitete stets den Prüfling, da er der einzige war, der es schaffte, ohne Hilfsmittel über die Mauer zu klettern. Auf der anderen Seite der Mauer lag ein Holzstück, welches dann immer von Sebastian herübergereicht wurde. Mit dem Holzstück, was als Leiter diente, konnte schließlich auch der Prüfling und vielleicht noch ein anderer Gefreiter auf die andere Seite gelangen, wo die Helden dann über das gegnerische Territorium schlichen.

An ihrem Ziel angelangt, einer anderen Wand aus Blech, die an einer Seite ein wenig aufgebogen werden konnte, sodass man hindurchschlüpfen konnte, krochen die Helden dann stets durch und die Prüfung war gemeistert. Glücklicherweise wurden sie nie von einem Erwachsenen erwischt, der sie mit neuen Erwachsenenregeln bestraft hätte.

So wuchs auch die Anzahl der Gefreiten in der Kompanie. Sebastian, Stefan und Marcel als Gründer der Kompanie beanspruchten daraufhin eine gehobenere Stellung und wurden schließlich die Anführer. Generaloberst, Generalleutnant und Generalmajor.

Als die Festung fertiggestellt war, begann die Kompanie damit, das Gebiet auf angreifende Feinde vorzubereiten und unbekanntes Territorium zu erkunden. Kleine Bretter wurden mit Nägeln versehen und im Boden vergraben, sodass nur noch die Nägel herausragten, Falldrähte wurden zwischen Bäumen hergespannt und Mauern aus Ästen und Bäumen, die vorher gefällt wurden, wurden errichtet. Selbstverständlich hatte die Kompanie nicht nur eine Verteidigungsanlage, sondern auch Nah- und Fernkampfwaffen; Holzspeere und Tannenzapfen, die von jedem Eindringling gefürchtet waren.

Auf einer Mission in unbekanntes Territorium fanden Generaloberst Sebastian und Generalleutnant Stefan eine alte Lagerhalle. Die Tür war verschlossen; ein kaputtes Fenster ermöglichte es ihnen aber, in die Halle einzudringen. Was sie vorfanden, war mehr, als sie erwartet hatten. Die ganze Halle war voller silberner, neuer Leitplanken. Und in einer Ecke standen verschiedene Farbtöpfe und Pinsel.

Was folgte, war das Ergebnis einer logischen Schlussfolgerung aus dem, was sie sahen. Eine simple Mathematikaufgabe. Farbe plus Pinsel plus Leitplanken. Während der Generaloberst in einem größeren Topf die verschiedenen Farben zusammenmischte und so eine dunkle, bräunliche Farbe erzeugte, begann der Generalleutnant die Leitplanken zu bestreichen. Nach einer Stunde waren die beiden Malermeister zufriedengestellt mit ihrer Arbeit und gingen glücklich nach Hause.

Dort angelangt, setzte sich Sebastian in die Küche zu seinen Eltern und aß eine Brotschnitte mit Butter und einem Stück Käse. "Was hast du heute so gemacht?", fragte ihn seine Mutter. "Ach, nichts Besonderes, wir haben ein bisschen im Wald gespielt", gab Generaloberst Sebastian ihr schlicht zur Antwort, womit sie zufriedengestellt war. Nach dem Essen ging er in das Wohnzimmer und sah sich eine Folge "Chip & Chap" an.

Als Stefan die Haustür öffnete und seine Mutter ihn sah, fiel ihr direkt ein Regelverstoß auf. Erwachsenenregel Nummer 3. Komm ja nie wieder so dreckig nach Hause. Farbe bedeckte seine Kleidung.

Stefan war nicht sonderlich wortgewandt und konnte kaum Geheimnisse für sich bewahren, sodass die Anstreichmission schnell durch seine Eltern aufgedeckt wurde. 300 DM Sachschaden. Stefans Versicherung kam für alles auf. Mission fehlgeschlagen. Und der Tropfen bewegte sich langsam fort.

An einem anderen Tag befanden sich die beiden Malermeister auf einer anderen Mission. Sie spielten auf einem anderen Fabrikgrundstück welches aus verschiedenen Lagerhallen, Garagen und einem alten, stillgelegten Sägewerk bestand. Das Sägewerk wurde in den folgenden Wochen um einen kleinen Außenposten ihrer Feste erweitert, einer kleinen, von Brettern überdeckten, Höhle. Heute aber erkundeten sie zunächst die Gegend.

In einer Garage, die direkt an eine Lagerhalle angrenzte, standen einige Kartons vor einer schweren Metalltür. Nach einer halben Stunde hatten Malermeister und Generaloberst Sebastian und Generalleutnant Stefan (der noch Farbe am Pullover hatte) die störenden Hindernisse vor der Tür auf Seite geräumt und stemmten sie zusammen auf.

Hinter der Tür verbarg sich ein kleiner Raum mit weiteren Kartons. Sogleich öffneten die beiden Abenteurer die Schatzkisten und fanden verschiedene Schätze: Hunderte Taschenmesser, Schreibblöcke mit Stiften, einen Taschenrechner und einen Fotoapparat (eine von den Kameras, die sofort Fotos auswarf). Mit ihrer Beute im Gepäck machten sie sich auf nach Sebastian, um diese den Eltern zu präsentieren.

Dort angelangt wurden sie jedoch Opfer eines Kreuzverhörs, welches auf die Aufklärung der Herkunft ihrer Beute zielte. Auf den Blöcken und den Taschenmessern fanden Sebastians Eltern die Adresse der Firma, wo die beiden Abenteurer gespielt hatten. Nach einem Anruf stand fest: Es handelte sich um Werbegeschenke. Sebastian und Stefan erwarteten den größten Ärger ihres Lebens.

Viele neue Regeln. Viel Zeit alleine. Hausarrest. Glücklicherweise waren die Werbegeschenkte anscheinend vorher gestohlen worden und nun durch Detektiv, Generaloberst und Malermeister Sebastian und seinem Gefährten wiedergefunden worden. Als Belohnung durften sie sich lebenslang immer wieder neue Taschenmesser oder Schreibblöcke schenken lassen, wenn sie zu der besagten Firma kamen. Mission erfolgreich bestanden. Der Tropfen machte kurz halt und überlegte, wie es weitergeht.

So verging ein weiterer Monat für die Kompanie, welcher zum Ausbau des Vorpostens und der Feste genutzt wurde. Als der Trupp an einem Nachmittag die Feste betrat, fanden sie sie in Trümmern vor. Marcel erzählte später, dass er von einem älteren Jugendlichen, einem Jugendlichen der anderen Hütte, angesprochen wurde. Ihm wurde erzählt, dass die Jugendlichen ihre Feste zerstört hätten, weil sie einfach Sachen entwendet hätten und sie sollten froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Kompanieregel Nummer 1 wurde daraufhin gestrichen. Der Tropfen machte sich wieder auf seinen niemals endenden Weg. Regeln können sich eben verändern.

Oder verfeinern.

Wie Träume.

Träume über die Zukunft.


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