Saalhausen, Lennestadt Sauerland





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Saalhauser Bote Nr. 18, 1/2006
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Biu schoin is et dann, en Duarpkind te seyn

Kindheitserinnerungen und mehr...!
Von Friedrich Bischoff
Wann de Sunnevuille flaiget, wann de Fleitepeypen gatt,
wann de Swuatdörenhecken  in Blaumen statt,
wann de Biarkesaap smecket ase Tokaierweyn:
biu schoin is et dann, en Duarpkind te seyn.
                                Christine Koch
"Treffen wir uns heute Nachmittag?" 
"Wer besorgt eine Pfanne?"
"Zucker haben wir genug."
"Wer kommt an Streichhölzer?"

So oder so ähnlich mögen unsere Gespräche geklungen haben. Wir, das waren einige Mitschüler aus meiner Klasse und ich.

Der Krieg war eben zu Ende und hatte seine deutlich sichtbaren Spuren hinterlassen. Und während die Erwachsenen sich täglich den Herausforderungen der Nachkriegszeit stellten, ahmten wir Kinder sie auf unsere Weise nach; wir schalteten uns aus der Realität aus und holten sie uns im Spiel wieder zurück, d.h. wir spielten und ahmten im Spiel nach, was wir täglich erlebt hatten und erlebten.

An erster Stelle stand zu der Zeit die Nahrungsbeschaffung und eben das war auch jetzt unsere vornehmste Aufgabe: Wir spielten Verpflegung organisieren mit einem bereits deutlich erkennbaren Hang zu "Luxusgütern", denn wir wollten "Bömskes" herstellen.

Hierzu muss man wissen, dass die deutsche Wehrmacht in der alten Schützenhalle ein Versorgungsdepot angelegt hatte. Neben anderen Waren befand sich tonnenweise Zucker, fein säuberlich in Säcken aufgestapelt, in der Halle. Zunächst wurde dieses Depot noch von fremden Soldaten bewacht. Aber auf wundersame Weise fanden viele Dorfbewohner dennoch die richtigen Wege, denn abends in der Dunkelheit trugen sie säckeweise den Zucker auf ihren Schultern aus der Halle. Es war schon recht spannend zu beobachten, wer denn all so seinen Zucker schleppte.

An Zucker gab es für unser Treiben also keinen Mangel. Nur das Ergebnis unserer Bemühungen ließ schon einige Zweifel offen. Dabei hatten wir uns doch eine solche Mühe gegeben. Nachdem wir also einen sichtgeschützten Platz an der Helle gefunden, unser Feuer entfacht und die Pfanne von Steinen gestützt über das Feuer gebracht hatten, kam nun der Zucker in die Pfanne. Gespannt sahen wir zu, wie der Zucker sich braun verfärbte und zu schmelzen begann. Doch trotz eifrigen Rührens mit einem Stöckchen, konnten wir nicht verhindern, dass er an den Rändern schwarz wurde. Jetzt war höchste Eile geboten, den Zucker aus der Pfanne zu entfernen. Doch wie, er war ja noch flüssig. Wir wussten uns jedoch zu helfen und gossen den flüssigen Zucker auf einen geeigneten flachen Stein. Dort ließen wir ihn erkalten. Um die hart gewordene Zuckerplatte vom Stein zu lösen, benutzten wir einen geeigneten Stein als Faustkeil. Die umher fliegenden Splitter suchten wir uns dann in Laub, Gras und Geröll zusammen. Die anhaftenden Erdpartikel taten dem Genuss keinen Abbruch. Dreck reinigt nun mal den Magen und verfügt zudem über einen Eigengeschmack!

Für uns Kinder begann nun eine Zeit, die zwar sehr vom Mangel, aber nicht mehr von Furcht und Schrecken geprägt war - wir hatten Frieden.

Auch in der Schule zeigte sich eine deutliche Veränderung, die die neue Sichtweise der Gesellschaft und der Menschen offenbarte. Aus dem morgendlichen, laut und zackig geschmetterten "Heil Hitler", bei dem der rechte Arm im 45-Grad-Winkel nach vorne ausgestreckt sein musste, während der Daumen parallel zum Zeigefinger unter diesem zu liegen hatte, wurde nun ein

Wie fröhlich bin ich aufgewacht. 
Wie hab' ich geschlafen so sanft die Nacht. 
Hab Dank im Himmel, Gott Vater mein, 
dass Du hast wollen bei mir sein... !

Und auch vor dem Heimweg mussten wir nicht noch einmal den Arm hoch reißen und den Hitlergruß schmettern. Nun hieß es

Wir gehen aus der Schule fort. Herr, bleib' bei uns mit Deinem Wort, mit Deinem reichen Segen auf allen uns'ren Wegen!

Der liebe Gott hatte wieder Einlass gefunden in die Schule und ins öffentliche Leben. Auch wir Kinder hatten zur Genüge erfahren, wie und bei welchen Gesprächen die Erwachsenen flüsterten, das Radio bei bestimmten Sendungen ganz leise stellten und die Fenster hastig schlossen. Auch wenn religiöses Leben erlaubt oder besser geduldet war, so war der Religionsunterricht jedoch aus der Schule und den Lehrplänen verbannt gewesen. Ob aus unserer Schule wie aus anderen auch die Kreuze entfernt worden waren, entzieht sich meiner Erinnerung. Sicher ist aber, dass in allen Klassen Hitlerportraits hingen.

Jetzt war alles anders. Es wurde laut gesungen und gelacht. Die dunklen Erlebnisse der Vergangenheit traten immer mehr in den Hintergrund und machten neuen, schöneren Erlebnissen Platz. Selbst die Sonne schien heller und in der Schule sangen wir "Es tagt der Sonne Morgenstrahl, weckt alle Kreatur..." oder " Scheint die helle Sonne, welche Wonne, scheint ins weite Land hinein...". Kurz, für uns Kinder brach jetzt eine Zeit an, an die ich heute mit dankbarer Freude und zugleich großer Wehmut zurückdenke angesichts der Umstände, unter denen die heutigen Kinder vor allem in der Stadt, zunehmend aber auch in den Dörfern, aufwachsen müssen. Für uns wurde damals das ganze Dorf und die umliegenden Felder und Wälder zu einem einzigen Spielplatz und niemand schränkte uns ein.

Dass wir so im Spiel sowohl Körper als auch Geist trainierten und übten, ergab sich ganz von selbst. Welcher Saalhauser, der es nicht selber erlebt hat, kann sich heute vorstellen, das wir z.B. auf der Hauptstraße, die auch damals schon die B 236 war, zwischen Trillings Weg und Börgers Weg als Spielfeldgrenze Treibball spielten. Und das ging folgendermaßen: Zwei Mannschaften standen sich gegenüber, und jede Mannschaft versuchte mit Hilfe eines Schlagballs oder was auch immer zur Hand war und als geeignet erschien, die gegnerische Mannschaft durch möglichst weite Würfe über ihre Spielfeldgrenze hinaus zu treiben. Gewonnen hatte die Mannschaft, der es als erster gelang, den Ball über die gegnerische Grenze zu werfen. Solche Spiele wurden mit vollem Einsatz ausgetragen und dauerten manchmal sehr lange. Die entscheidende Voraussetzung war, dass uns die ganze Straße zur Verfügung stand und weit und breit kein Auto zu sehen war. Gleichsam als Nebenwirkung gelang es uns damals ohne Schwierigkeiten, bei den später eingeführten Bundesjugendspielen, die von den Schulen ausgetragen wurden, beim Weitwurf die geforderte maximale Weite um nahezu das Doppelte zu übertreffen. Sport-Pisa lässt grüßen. Heute beherrschen die Kinder oft nicht einmal mehr den notwendigen Bewegungsablauf beim Wurf.

In dieser Zeit lebten auch wieder die Einrichtungen für eine umfassende sportliche Betätigung auf. Hier ist vor allem der TSV Saalhausen zu nennen. Wer sich in den Disziplinen Turnen, Leichtathletik oder Fußball tummelte, war die Woche hindurch genügend beschäftigt. Fördernd war hierbei der Umstand, dass es so gut wie keine vordergründig ablenkenden Angebote gab, wie sie heute zuhauf von der kommerziellen Unterhaltungsindustrie angeboten werden. Eines kann man heute mit Sicherheit sagen: übergewichtige Kinder, ein erhebliches Gesundheitsrisiko unserer Zeit, gab es damals nicht und das lag nicht nur an der mangelhaften Ernährungslage.

So machte es uns gar nichts aus, wenn wir uns des Sonntags z.B. zu Fuß von Saalhausen über Selbeke nach Oberhundem auf den Weg machten, um gegen die dortige Schülermannschaft ein Fußballspiel auszutragen und dann nach einem Spiel von einer Stunde Dauer wieder den Heimweg anzutreten.

Fußball war zweifelsfrei der König unter den Sportarten. In den Anfängen spielten wir ungeordnet Fußball wo wir gingen und standen. Dabei gab es keinen Platz und keine Ecke, die nicht zum Spielen geeignet gewesen wäre. Selbst Schütten Weg reichte für uns Knirpse noch aus. Fußbälle oder gar Fußballschuhe gab es anfangs noch nicht. Mit dem einen Paar Schuhe, das wir in der Regel besaßen, durften wir um Gottes Willen nicht spielen; diese Schuhe waren nur "für gut". Selbst mit den "Holzkläppern" (Holzsandalen, die unter dem Fußballen getrennt waren und von oben durch einen Lederstreifen zusammengehalten wurden), mussten wir vorsichtig umgehen, da sie vorne so leicht absplitterten. Da war es doch viel einfacher, barfuß zu spielen. Und das taten wir auch. Bälle bastelten wir uns anfangs selber. Hierbei half uns Schuster Krippendorf, der uns auch die notwendige "Materialkunde" und "Stichtechnik" beibrachte. Kurz: wir nähten unsere Bälle selbst und achteten sehr darauf, dass wir den am besten geeigneten Stoff benutzten und die besten Nähte setzten. Geschah das nicht, so konnte es sein, dass so ein Ball die ersten zehn Minuten kaum überstand.

Aus diesem munteren Treiben bildeten sich in der Folge Schülermannschaften heraus, die regelmäßig gegen die Mannschaften der Nachbardörfer spielten. Spannend bis hoch dramatisch verliefen immer die Auseinandersetzungen mit dem Intimgegner Langenei. Gingen wir als Sieger aus einem Spiel hervor, so durften wir uns die nächsten Wochen nicht in Langenei blicken lassen, ohne um Leib und Leben zu fürchten. Dennoch haben alle Beteiligten diese Zeit bei bester Gesundheit überstanden.

Der Höhepunkt schlechthin war für uns Kinder unmittelbar nach Kriegsende der Tag der ersten heiligen Kommunion. Die damalige enge Verwobenheit von kirchlichem und täglichem Leben führte dazu, dass wir uns in den Tagen und Wochen vor dem großen Ereignis von den Vorbereitungen rundum umschlossen fühlten. Waren es die Vorbereitungsstunden in der Kirche oder das geschäftige Treiben zu Hause, mit jedem Tag, der uns dem Ereignis näher brachte, stieg die innere Spannung. Es war schon etwas ganz besonderes, in der Kirche zum ersten Mal an der Kommunion teilnehmen zu dürfen und so für Jesus zu einer würdigen Wohnung zu werden, wie uns Pfarrer Piel lehrte. Da es in nahezu jeder Familie ein Kommunionkind gab, war praktisch das ganze Dorf von der Erwartung erfüllt und mit den damit verbundenen Vorbereitungen befasst. Auch wenn es schwer war, die notwendigen Dinge für die äußere Gestaltung der Kommunionfeier zu beschaffen - Lebensmittel- oder Kleiderkarten für solche Anlässe gab es nicht - irgendwie ging es doch.

Und dann war der große Tag da. Die feierliche Messe und der Augenblick, an dem uns die Führengel mit ernstem Gesicht zur Kommunionbank führten, ließ uns etwas von dem erahnen, was Pfarrer Piel Gemeinschaft mit Jesus nannte.

Der Autor als Kommunionkind
Der Autor als Kommunionkind

"Dieses Foto ist unmittelbar nach der Kommunionfeier entstanden . Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits über 40 Grad Fieber, d.h. für mich war damit die Feier gelaufen."

Nach der Kommunionfeier erwartete mich zu Hause eine große Überraschung. Mitten auf dem gedeckten Tisch stand ein Osterlamm mit einem dichten Fell aus echter Buttercreme. Doch außer dem Anblick hatte ich leider nichts davon, denn ich litt schon seit einigen Tagen an einer starken Erkältung, die mich auch an diesem Morgen nicht verschonte und ein so hohes Fieber hervorrief, dass man mich sofort nach der Messe inmitten der Kommuniongäste auf das Sofa bettete. An der Andacht am Nachmittag und der Messe am nächsten Morgen konnte ich nicht mehr teilnehmen.

Der Weiße Sonntag und die Feier der Erstkommunion dürften in Saalhausen auch heute noch ähnlich begangen werden wie zu meiner Zeit. Den Saalhauser Kindern aber, die in diesem Jahr zur ersten heiligen Kommunion gehen, wünsche ich den Segen der Gemeinschaft mit Jesus. Außerdem wünsche ich ihnen ein Osterlamm mit einem dichten Fell aus Buttercreme und eine Gesundheit, die es ihnen erlaubt, dieses gemeinsam mit den Kommuniongästen bis zum Rest zu genießen.




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