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Saalhauser Bote Nr. 30, 1/2012
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Erinnerungen, Erlebnisse und Abenteuer eines Saalhausers

Der Gregors Zweite: Franz-Josef Heimes, geb. am 23. Juni 1939
- Fortsetzung -

3.3 Einige weitere Erinnerungen an Antonius Plitt, genannt „Sir”

In der letzten Folge hatte ich erwähnt, dass man „dem Sir” eigentlich ein eigenes Kapitel widmen müsste. Ich muss zugeben, dass Sir in meinem Gedächtnis einige Spuren hinterlassen hat, deshalb möchte ich doch noch einige Erinnerungen an ihn wiedergeben.

Nach meinem letzten Beitrag meldete sich Heiner Thielmann, mit dem ich im Jahre 1956 (nicht 1954) jene Englandtour unternommen hatte. Er übersandte mir einige ergänzende Fotos, wovon ich zumindest eines noch wiedergeben möchte.

Mit Sir unterwegs in England.
Mit Sir unterwegs in England.
Von links: Sirs Schwester Threschen, Sir, ich und Heiner

Skitour mit Sir.
Skitour mit Sir.
In der Mitte Illigens Monika, die es mir in jenen Jahren besonders angetan hatte. Sir im Schnee liegend, weiter Klaus und Ellen Conze, Heiner Thielmann sowie Irmgard Heimes mit Freundin.

Saalhausen war zu eng für „den Sir”. Wohl auch deshalb war er für jeden Spaß zu haben. Sehr beliebt waren unsere Skitouren.Wenn Sir auch kein guter Skifahrer war, so war er bei guten Schneeverhältnissen für ein solches Vergnügen immer zu haben.

Ein fester Bestandteil im Jahresverlauf waren die Maitouren mit Sirs Pferdegespann. Eine dieser Touren ist mir noch in besonderer Erinnerung. Es war in jenem Jahr, als die Polizei Sir mal wieder mit seinem Mercedes Benz Diesel erwischt hatte mit einem zu hohen Blutalkoholwert und er seines Führerscheins „beraubt” wurde. Das Autokennzeichen OE-A997 ist mir immer noch in bester Erinnerung.

„Weil wir keinen Führerschein mehr haben, fahren wir mit dem Gummiwagen!!”
„Weil wir keinen Führerschein mehr haben, fahren wir mit dem Gummiwagen!!”

Mit dekoriertem Pferdegespann und der großen Aufschrift „Weil wir keinen Führerschein mehr haben, fahren wir mit dem Gummiwagen”. So kutschierte uns Hermann Rameil (genannt Pu-Hermann) von Saalhausen an der Polizeiwache in Altenhundem vorbei bis nach Oberhundem.

Sir war auch vertrauensselig und großzügig. Im Winter 1963 plante ich mit den Studienfreunden Gustav Siemes, Jürgen Zischek und mit Manfred Riffel aus den Peilen eine Skireise nach Chamonix. Wir hatten aber kein Auto. Für Sir war es überhaupt kein Problem, uns seinen Promillewagen OE-A997 zur Verfügung zu stellen. So fuhren wir denn mit reichlich Gepäck über Zürich, wo wir noch Studienfreunde aus der Zeit unseres Studienaufenthaltes an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (dazu später mehr) besuchten, nach Martigny, unweit des Genfer Sees im Rhonetal gelegen, den steilen Forclas Pass hinauf und kamen schließlich nach Vallorcine.

Unser Promillewagen OE-A997 wird auf die Zahnradbahn geladen.
Unser Promillewagen OE-A997 wird auf die Zahnradbahn geladen.
Die Gletscherabfahrt durchs Vallée Blanche – einfach atemberaubend.
Die Gletscherabfahrt durchs Vallée Blanche – einfach atemberaubend.

Um nach Chamonix zu gelangen, hätten wir einen weiteren Pass überqueren müssen, nämlich den Col des Montets. Dieser Pass war allerdings wegen Lawinenabgängen gesperrt.

Kein Problem: es gab ein Bähnlein, das Martigny mit Chamonix (durch einen Tunnel am Col des Montets) verbindet. Also Promillewagen parken und umsteigen ins Bähnlein.

Gleich bei unserer Ankunft in Chamonix erfuhren wir, dass am nächsten Tag in dem westlich von Chamonix gelegenen Vorort Les Houches ein FIS-Skirennen stattfinden würde und dass die Piste derweil präpariert würde. Wir waren hin- und hergerissen. Da mussten wir hin.

Mit angeschnallten Skiern im „Quergang” inspizierten wir die gesamte Abfahrtspiste mit 900 m Höhenunterschied. Die Militärs, die die Piste herrichteten, sprachen uns ihre Anerkennung aus, und sogar am Renntage begrüßten sie uns noch mit Handschlag.

Wir wohnten in der Jugendherberge und verbrachten atemberaubend schöne Skiitage in Chamonix. Höhepunkt war sicherlich die Abfahrt von der Aiguille du Midi (3840 m) durch das Vallée Blanche über das Mer de Glace.

Also unsere Skitage in Chamonix gingen zu Ende, und wir fuhren mit dem Bähnlein zurück nach Vallorcine. O Schreck !! Der Forclas Pass war nun auch gesperrt; es hatte sehr viel Neuschnee gegeben, und mehrere Lawinen hatten die Passstraße verschüttet. „Das kann bis zum Frühjahr dauern!!” Was nun ?? „Ihr könnt das Auto auf einen kleinen Waggon der Zahnradbahn verladen und mit dem Bähnlein eine „Translokation” nach Martigny durchführen lassen. - Aber das ist teuer!” O je, Geld hatten wir keines mehr. Aber dafür hatte Gustav relativ reiche Eltern und so bekamen wir nach ein paar Tagen eine telegraphische Geldüberweisung, und wir waren gerettet.

Nichtsdestoweniger habe ich noch heute ein schlechtes Gewissen, denn wir übergaben den Promillewagen in „desolatem Zustand”; das Auto qualmte wie verrückt. Irgendetwas war mit der Einspritzpumpe geschehen. Sir hat uns niemals irgendwelche Vorwürfe gemacht, was ich bis heute nicht verstehen kann.

3.4 Nachtrag

Dieser kurze Nachtrag hat mit den Eheleuten Blaschke zu tun. Blaschkes waren Flüchtlinge (*) aus Schlesien und waren nach ihrer Vertreibung für ein paar Jahre bei uns einquartiert. Auf die Flüchtlingsproblematik brauche ich nicht näher einzugehen. Ich verweise auf die umfangreichen Ausführungen von F.W. Gniffke in den Saalhauser Boten 1/2006 und 2/2006.

(*) Anmerkung von R. Lehrig: Blaschkes waren KEINE Flüchtlinge, sondern wurden 1946 aus der Grafschaft Glatz vertrieben. Siehe auch: Nach 57 Jahren

Blaschkes ist es bei uns nicht schlecht ergangen, sie waren ehrenwerte Leute und halfen bei vielerlei Arbeiten. Zweimal in der Woche belieferten sie Gleierbrück mit Brot und Brötchen.

Dazu stand eine einachsige „Handkarre” mit Gummibereifung zu Verfügung. Integriert in diese Handkarre war eine etwa ein Meter hohe Holzkiste.

Samstags nach der Schule musste ich dieses Brottransportunternehmen begleiten. Die Holzkiste war dann gefüllt mit „Gregors Weiß- und Schwarzbrot” und oben auf der Kiste befand sich ein großer Sack mit Brötchen.

Warum erzähle ich diese kurze Geschichte? Weil sie in meinem Gedächtnis Spuren hinterlassen hat. Ich schämte mich immer furchtbar, wenn wir – wie die Zigeuner – mit dieser voll beladenen Gummikarre über die Hauptstraße in Richtung Gleierbrück zogen. Dort musste ich unsere Kunden nach ihren Wünschen befragen und dann das Gewünschte auch ausliefern. Besonders peinlich war es mir dann in Gleierbrück, wenn mir auch noch fesche Mädels - wie Beckmanns Helga oder Brigitte- mit dem „Zigeuner-handwagen” begegneten.

Gepflegte Gymnasiasten im Zweireiher und mit Fliege vor dem „Erzbischöflichen Knabenkonvikt”, genannt „Kasten”, in Attendorn.
Gepflegte Gymnasiasten im Zweireiher und mit Fliege vor dem „Erzbischöflichen Knabenkonvikt”, genannt „Kasten”, in Attendorn.
Neben mir (ganz rechts) Wilhelm Schulte aus Altenhundem. Er übersiedelte später in eine Privatwohnung. Seine Wirtin ermahnte ihn eines Tages. Sie habe „mitgehört” und mitgezählt, dass er 20 Blatt Toilettenpapier bei einem Toilettengang verbraucht habe…

4. Gymnasium Attendorn

Die Zeit im Progymnasium Altenhundem war vorbei – mit viel Mühe, aber ohne „Paptus” war das „Einjährige” geschafft.

Nach den dort durchlebten Strapazen wollte ich Schluss machen mit der Schule. Vater Gregor aber gab keine Ruhe: „Du musst weitermachen, versuch es wenigstens!”

Eine Bewerbung beim Aufbaugymnasium in Schmallenberg wurde negativ beschieden wegen der „fünf” in Englisch. Mit Meinolf Tröster (Kirchhundem, später Hauptschullehrer in Altenhundem), Wilhelm Schulte (Altenhundem, später Arzt), Franz Tillmann (Oberhundem, später Studiendirektor am Gymnasium Attendorn) und einigen anderen, die aber kein Abitur machten, „übersiedelten” wir zum Altsprachlichen Gymnasium Attendorn (mit neusprachlichem Zweig). Als Fahrschüler war Attendorn für mich von Saalhausen aus nicht erreichbar. Für ein paar Monate wohnte ich im „Erzbischöflichen Knabenkonvikt”, genannt „Kasten”. Es herrschte „Zucht und Ordnung”. Aber insgesamt denke ich gern an diese Zeit zurück. Wir hatten eine gute Kameradschaft. Wir übten z.B. Handstand mit Gehen auf den Händen und machten kleine Wettkämpfe, wer denn wohl im Handstand die weiteste Strecke zurücklegen würde.

Der Präses pflegte uns morgens persönlich zu wecken, in dem er unsere Schlafräume aufsuchte und mit einer Glocke kräftig bimmelte. Einmal hatten wir die Betten aus mehreren Schlafräumen entfernt und in einen Aufenthaltsraum transportiert. Der Präses staunte nicht schlecht, als er morgens einige Schlafräume ohne Betten vorfand.

Das Erzbischöfliche Knabenkonvikt war im Prinzip gedacht für Schüler, die evtl. später mal Theologie studieren wollten. Das hätten meine Eltern natürlich auch gern gesehen, aber daraus wurde bekanntlich nichts. Die Kosten für den Aufenthalt im „Kasten” waren nicht unerheblich.

Eines Tages einigten sich meine Eltern mit Onkel Peter und Tante Lene in Ramscheid bei Serkenrode darauf, dass ich dort auf dem Bauernhof wohnen könnte zusammen mit meinen sechs „entzückenden Cousinen” Magdalene, Magret, Irmgard, Dorothea, Beate und Mechtild.

Ich musste zwar auch in der Landwirtschaft mitarbeiten (z.B. Mistwagen laden, Mist streuen, Heu ernten, Runkeln vereinzeln, Dreschen usw.), aber ich wurde auch wunderbar umsorgt von Tante Lene und meinen sechs Cousinen – eine schöne Zeit. Ich war nun wieder Fahrschüler.

Die Altenhundemer waren allesamt schlecht in Französisch. Wir hatten eine wunderbare Lehrerin, Frau Pötter. Sie gab uns kostenlos Nachhilfeunterricht bis wir „glatt standen”. Insgesamt war ich in Attendorn nie versetzungsgefährdet. Immer, wenn es Zeugnisse gegeben hatte, dann „kehrten wir ein” und feierten unsere schulischen Erfolge. Einmal fühlte ich mich ungerecht benotet, und ich steckte mein Zeugnis vor Wut in ein volles Bierglas. Da kam natürlich Stimmung auf.

Aber ich hatte mir ein Problem eingehandelt. Das Zeugnis musste vom Vater unterschrieben und dem Klassenlehrer nach den Ferien vorgelegt werden. Ich konnte Papa überreden, mir eine Erklärung zu unterschreiben, das Zeugnis sei verloren gegangen, aber er habe es gesehen.

Bei der Abiturfeier wurde diese Geschichte - zur Freude der anwesenden Lehrer und aller Gäste - in Gedichtform zum Besten gegeben.
Bei der Abiturfeier wurde diese Geschichte - zur Freude der anwesenden Lehrer und aller Gäste - in Gedichtform zum Besten gegeben.



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