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Saalhauser Bote Nr. 37, 2/2015
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Pater Bernhard Trilling gibt dem Saalhauser Boten einen Rückblick über sein priesterliches Schaffen, seit er Leipzig verlassen hat

Traditionell sehen wir den gebürtigen Saalhauser Pater Bernhard Trilling schon einige Jahre beim alljährlichen Gottesdienst am Heiligen Born. Verwandte hatten Gelegenheit, mit ihm eine Romreise zu machen (wir berichteten). Kürzlich erhielten wir einen Brief mit einem Bericht, den wir von ihm erbeten hatten: Meine lieben Nachbarn, Marlis und Friedrich W. Gniffke, mit den guten Wünschen für gute Zeiten in unserem lieben Saalhausen verbunden, sende ich Euch einen Rückblick über die letzten Jahre in Donauwörth, St. Ingbert und Oeventrop.



Euch alles Gute und aufgeblasenen Hierarchien Läuse! Euer Bernhard

Meine lieben „Landsleute”in Saalhausen! Marlis und Friedrich W. Gniffke machten mir Mut, mich doch wieder einmal im Saalhauser Boten zu Wort zu melden. Seit ich 2005 in Leipzig verabschiedet wurde, hat sich mehrfach einiges bei mir verändert: Ich kam von Leipzig St. Laurentius (nahe dem Völkerschlachtdenkmal) in das Kloster Heilig-Kreuz in Donauwörth im Bayrischen Schwaben. Dort übernahm ich als Ordensoberer ("Superior") die Leitung eines Hauses, mit dem ein Internat (80 Realschüler) und eine Realschule verbunden sind. Das Kloster Heilig-Kreuz war bis 1803 (Säkularisation / Aufhebung) eine Benediktinerabtei, deren Hauptschatz eine Kreuzreliquie ist, mit all den Problemen, die uns skeptischen Atomzeitmenschen die Reliquien aus der Zeit Jesu machen. Die gewaltige, super-barocke Klosterkirche mit Gnadenkapelle und großem Kreuzgang wird auch heute von vielen Wallfahrern besucht. Obwohl zum Kloster nur eine ganz kleine Kirchengemeinde gehört (80 Mitglieder), war die Kirche sonntags voll (etwa 300 Besucher) und ich konnte mich so richtig loslassen bei meinen (etwas deftigen) Predigten. Gewisse Frömmigkeitsformen, vor allem das Auflegen der Reliquienmonstranz zum Segen auf die Köpfe der Pilger, waren nicht so stark meiner Mentalität entsprechend. Dass der Pater Superior als Galionsfigur der Kirche von Donauwörth bei allen Kulturereignissen und jeder "Katzenkirmes" repräsentieren sollte, entsprach auch nicht meinem Wunsch nach priesterlicher Einfachheit.

Kurzum: ich fühlte mich als "Barockabt" in dieser gewaltigen Baumasse aus dem 18. Jahrhundert mit Spiegelsaal und Gemäldegalerie nicht wohl. Ein Ereignis in Donauwörth konnte ich mit meinen engen Beziehungen zum Leipziger Musikleben möglich machen: Mein Leipziger ökumenischer Kirchenchor führte zusammen mit der Sächsischen Philharmonie das Oratorium "Die Schöpfung" von Josef Haydn in der Abteikirche auf. Finanziert werden Orchester und Solisten vom Auer Verlag (Pädagogische Literatur/Schulbücher). Es war ein wirkliches Fest - musikalisch - und als Wiedersehen mit "meinen" Leipzigern. Etwa drei Jahre war ich in Donauwörth. Dann wurde einer der Herren unserer saarländischen Pfarreien zum Provinzialoberen der Norddeutschen Provinz gewählt - und ich - durchaus mit meinem Einverständnis - sein Nachfolger als Pfarrer von St. Franziskus und St. Konrad in St. Ingbert, kurz vor Saarbrücken. Hier lebte ich mit einem kranken Mitbruder im Pfarrhaus. Zwei Kindergärten, mit der Tendenz zu Ganztags "Ki-Tas" machten mir das Leben schwer, da ich eher konservative Ansichten über den Aufenthalt von Kleinstkindern in Kindertagesstätten habe, wie sie der Sozialismus im Osten immer schon förderte und damit die Familienentfremdung unserer Kinder....

Ein äußerst tüchtiger und engagierter Gemeindereferent zeigte mir dort, was verheiratete Seelsorger für hervorragende Arbeit leisten können. Er gestaltete Familiengottesdienste, den lebendigen Adventskalender, Jugendchor und hält wechselweise mit mir im Wochenturnus die Beerdigungen. Wenn er dran war, konnte gestorben sein, wer Lust hatte, auch der Kaiser von China: er kümmerte sich dann in seiner Dienstwoche um Hinterbliebene und Beerdigung. - So bestattete er auch den vom Fußball her bekannten Jupp Derwall, zu dessen Begräbnis der japanische Botschafter, Beckenbauer und politische Prominenz erschien. Die Pfarrer der Umgebung monierten die Beerdigung: "Nur durch einen Nicht-Geweihten". Ich bin durchaus der Meinung, man solle die Kirche im Dorfe lassen und unsere Gemeindereferenten und Referentinnen als Pfarrseelsorger mit den Befugnissen in der Gemeindeleitung ausstatten, die ohne Weihe möglich sind:

- Vorsitz des Kirchenvorstands
- Assistenz bei der Eheschließung
- Taufspendung
- Katechese und ihre Organisation
- Priesterloser Gottesdienst
- Predigt
- Beerdigung und Hinterbliebenen-Gespräch.

So könnten die schlimmsten seelsorgerischen Flurschäden, wie sie sich in den schön-geredeten "Pastoralen Räumen" erschreckend anbahnen, verhütet werden und das Verständnis für andere priesterliche Lebensformen wachsen. Wir schaffen uns allmählich ab, da wir Zölibat und Männerpriestertum zum höchsten Glaubensinhalt erheben und lieber die Gemeinden "demontieren". Das war nun ein sehr "ketzerischer" Ausrutscher aus tiefer Besorgnis heraus!

Zurück zu St. Ingbert: Da ich mit meinen kritischen Kanzelworten auffiel und dann auch noch den evangelischen Nachbarspfarrer als Festprediger zum Gemeindejubiläum einlud, bekam ich vom Bischof "die rote Karte". Ein Mitbruder aus der Nachbarpfarrei hatte mich "angezeigt". Da die Probleme des "Pastoralen Raumes" mir ohnehin bis zum Hals standen, und unser Orden einen Seelsorger für unser Schwesternhaus in Oeventrop (Arnsberg) brauchte, zeigte ich dem bischöflichen Ordinariat in Speyer, was eine Harke ist und stellte mein Pfarramt in St. Ingbert zur Verfügung. In Oeventrop wohnte ich in einem 1975 erbauten Kloster, dessen 40 Bewohner im Lauf der Jahre verstorben waren. Mit drei Mitbrüdern bewohnte ich ein riesiges Gebäude am Waldrand mit herrlichem Blick über das Sauerland, aber für ältere Fußgänger nur mühsam zu erreichen. So standen 35 Wohnräume leer und der Orden musste jährlich 100.000 Euro für Haus und Kommunität aufwenden. Das Luxushaus des Limburger Bischofs war vom Aufwand her fast bescheiden. - Verkauf war angesagt. Wegen mancher Baumängel und der entfernten Wohnlage wollte keiner das riesige Anwesen kaufen. Letztendlich übernahm ein Kölner Auktionshaus die Immobilie und versteigerte sie. Ausgerechnet die "Kinder Mohammeds" haben das Oeventroper Missionshaus ersteigert. - Ärztefamilien jordanischer Herkunft aus allen Teilen Deutschlands treffen sich an den Wochenenden dort, um ein wenig Heimatsprache, Heimatkultur und Frömmigkeit zu pflegen. Ich bewohne nun mit einem Mitbruder eine Mietwohnung nahe dem Schwesternhaus, in dem ich Gottesdienst und Seelsorge versehe. - Im Umfeld von Oeventrop helfe ich bei Gottesdiensten, Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen aus. Kopfschüttelnd nehme ich die "Preisungen" des hiesigen pastoralen Raumes wahr und befürchte, dass wir als Kirche dieselben Fehler machen, den wir als Dörfler in den 60er Jahren bei der kommunalen Gebietsreform gemacht haben: Dörfliche Solidarität und Subsidiarität sind dahin. Verwaltung und Lokalpolitik sind publikumsfern geworden. Der Seelsorger als "Bezugsperson" wird immer seltener, da wechselweise immer wieder ein anderer Priester am Altar steht - oder Sakramente spendet. So wie im politischen Raum der Bürgermeister ist im pastoralen Raum der "Oberpfarrer" mehr eine Repräsentationsfigur, die von einem Jubiläum zum anderen hastet, als ein Ansprechpartner. Wenn dann auch noch der Versuch gemacht wird, die Kirche des "Leiters des Pastoralen Raumes" zu einer Quasi-Kathedrale zu machen - und selbst "Erstkommunionfeiern" von den Dörflern in den "Dom" zu ziehen, statt sie in den Dorfkirchen zu belassen - es muss ja nicht alles am Weißen Sonntag sein - dann ist wütender oder stiller Protest vorprogrammiert. In der evangelischen Glaubenslehre wurde auf drei Grundsäulen gepocht: Sola fide (allein durch den Glauben - Sola gratia (allein durch die Gnade) - sola scriptora (allein durch die Heilige Schrift).

In unserer augenblicklichen katholischen Verlegenheit scheint nur noch eine Patentlösung zu gelten "sola structura" (allein durch verwaltungstechnischen, organisatorischen Strukturwechsel). Der Schuss geht ins Auge! Nach einer fast 50-jährigen Tätigkeit in den Bistümern Innsbruck, Speyer, Paderborn, Münster, Dresden, Meißen und Augsburg möge man mir diese Kritik erlauben. Wenn die Kirche - auch und gerade - das Gebäude aus lebendigen Gemeindemitgliedern nicht mehr im Dorf bleibt, sehe ich schwarz.

Eine Gemeinde, die mit dem nachbarschaftlichen dörflichen Gefüge zusammen "einen Kopf und einen Hintern" bildet: das war das große Pfund, mit dem im Dorf als Solidargemeinschaft, Subsidiaritätsgemeinschaft und Glaubensgemeinschaft wuchern konnte. So, jetzt habe ich meinem Herzen etwas Luft gemacht.

Etwas ist mir auch aufgefallen: die Aufarbeitung der "braunen" Vergangenheit unserer Väter, die über ihre Erfahrungen in Polen und Russland bezüglich der entsetzlichen Verbrechen an der dortigen Bevölkerung - besonders an den Juden - wenig gesagt haben - was man versteht! - Nun einige wenige Nazi-braune Heimatdichterinnen posthum durch die Vernichtung ihres Ansehens durch die Abnahme von Straßenschildern und das Wegrücken von Gedenksteinen zu bestrafen, halte ich in Anbetracht dessen, dass so viele unserer Väter im Osten - dem Eid auf den Führer getreu - Zivilbevölkerung und Juden ermordet haben, und dass in unseren Dörfern Denunzianten Nachbarn bei der Gestapo verpfiffen haben, für scheinheilig. Das hat es schon einmal in der Kirchengeschichte gegeben. Ein böser Papst wurde dadurch verdammt, dass die Römer seinen exhumierten Leichnam mit den Papst-Insignien bekleideten, ihm dann öffentlich die Gewänder vom Leichnam rissen und die Leiche in den Tiber warfen. Ob das wirklich edel ist?

Ich habe als Diakon zu Josefa Behrens die Hl. Kommunion gebracht. Sie war dement und bettelarm. Ihre Schwester hatte sie bewegt, wieder in die Kirche einzutreten. Frau Behrens hat für ihre "braunen" Fehler kräftig gebüßt. Für mich ist sie ein wichtiger Teil meiner Kindheit: Was sie als Märchenerzählerin uns Saalhauser Kindern am offenen Feuer gegeben hat, ist unbezahlbar. Dass wir nach der Sonntagsandacht noch die 2 oder 3 Kilometer durch den Schnee nach Gleierbrück stapften, spricht für sich!

Ich habe in Oeventrop, solange wir unser Kaminzimmer noch hatten, die Tradition aufgenommen und Kindergartengruppen Märchen und Weihnachtsgeschichten vorgelesen. Josefa Behrens-Totenohl ist keine Heilige. Sie hat massive Fehler gemacht, aber auch massiv Buße getan. Ansonsten freue ich mich, in Saalhausen aufgewachsen zu sein.

Gute Zeit Euch und dem ganzen Dorf. Pater Bernhard.

Artikel bearbeitet von Carola Schmidt und F.W. Gniffke.


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